Sich und andere besser verstehen mit dem Enneagramm
Regen Sie sich auch gelegentlich – oder öfter – über sich selbst auf? Oder über Ihre Mitmenschen? «Wenn ich doch nur …», «Jetzt hat meine Freundin wirklich schon wieder …», «Mein Chef kann einfach nicht …» etc. Sie wissen bestimmt, was ich meine. Und so entstehen auch Fluchtgedanken. Nach einem Jobwechsel oder einer beruflichen Neuorientierung. Das ist eine Möglichkeit, muss aber nicht zwingend sein. Denn man nimmt sich ja bekanntlich selbst auch mit … Genau an solchen Punkten setzt das Persönlichkeitsmodell Enneagramm an. Möchten Sie sich selbst und andere besser verstehen und (zwischenmenschliche) Situationen im Berufs- oder Lebensalltag angemessen meistern können? Hier sind Sie richtig!
Die Themen im Überblick:
Wechselwirkungen… Wir sind uns oft näher, als wir meinen. Das Enneagramm hilft, eigene und fremde Sichtweisen zu erkennen und sich und andere besser zu verstehen.
Das Enneagramm – ein aussagekräftiges Persönlichkeitsmodell
Das Enneagramm ist ein Modell, das die verschiedenartigen Erlebens- und Verhaltensweisen von uns Menschen tiefgreifend beschreibt.
Vom Grundmuster her unterscheidet es drei Intelligenzzentren:
Fokus von Kopfmenschen: Wissen, Information, eher zurückhaltend in der Handlung
Fokus von Herzmenschen: Image, Selbstwert, Beziehungen
Fokus von Bauchmenschen: Gespür für «Richtig» und «Falsch», Raum einnehmen, gestalten
Alle haben von allem, doch von einem viel mehr
Natürlich hat jeder Mensch Kopf-, Herz- und Bauchintelligenz, doch eines dieser Spektren haben wir alle besonders stark entwickelt. Darauf sind wir spezialisiert. Da aber in jedem Zentrum ganz viel und ganz unterschiedliche Intelligenz steckt, lohnt es sich, uns auch mit den beiden uns weniger geläufigen Zentren befassen – und sie besser in uns auszubilden. Kopf, Herz und Bauch sind noch in jeweils drei einzelne Muster (bzw. Stile oder Typen) unterteilt. Das ergibt:
Neun verschiedene Arten, in der Welt zu sein.
Sind Sie neugierig geworden? Das ist die beste Voraussetzung, um in die faszinierende Welt des Enneagramms einzutauchen!
Das Persönlichkeitsmodell Enneagramm bietet 9 verschiedene Persönlichkeitsmuster an.
Enneagrammbuch lesen oder Fachperson konsultieren?
Über das Enneagramm gibt es zahlreiche Bücher, die äusserst wertvoll sind, um sich einen allgemeinen Überblick zu verschaffen. Es gibt Menschen, die sich aufgrund von Lektüre rasch richtig einschätzen können und merken: Bei diesem Typ Mensch, da geht es genau um mich! Doch das ist eher die Ausnahme. Viele Menschen finden hier ein Merkmal, das für sie spricht und da eines, aber es will kein richtiges Gesamtbild entstehen.
Aufgrund unserer blinden Flecken ist es gar nicht so leicht, den eigenen Enneagrammstil selbst herauszufinden.
Den eigenen Enneagramm-Stil zu finden, kann dauern
Als ich mein erstes Enneagrammbuch gelesen habe, sah ich mich klar in einem bestimmten Muster, und nach Monaten, einmal gar Jahren, nun aber ganz sicher – wie konnte ich das nur übersehen – fand ich mich in einem anderen. Drei verschiedene Stile habe ich so «durchlaufen», bis ich mir wirklich sicher war.
Nachdem ich dann eine Fachperson beigezogen hatte – einfach nur, um mir mein Muster bestätigen zu lassen – fielen mir gewisse Sachverhalte wie Schuppen von den Augen. Dabei lautete die «Diagnose» der Fachperson nicht so, wie ich mir doch so sicher war. Trotzdem konnte ich zustimmen:
Ja, genau, so reagiere ich tatsächlich! So habe ich mich bisher nicht gesehen.
Mit welchem Persönlichkeitsstil im Enneagramm kann ich mich am besten identifizieren?
Angenehme und weniger angenehme Einsichten über uns selbst
Als ich mich näher mit meinem «neuen» Enneagammstil befasste, fühlte mich immer tiefer gesehen und erkannt. Wie kann mich eine Beschreibung nur so treffend erfassen?!!
Allmählich und immer wieder tauchen auch unangenehme Einsichten auf, wo ich mir eingestehen muss: Okay, gewisse meiner Verhaltensweisen könnte man wirklich so nennen, wie beschrieben – und das klingt nicht gerade schmeichelhaft. Ja, da und dort schiesse ich immer wieder über das Ziel hinaus. Gut gemeint, aber Ziel verfehlt. Mein logisches Fazit: Schiesstechnik anpassen.
Auf der einen Seite sind solche Erkenntnisse beschämend, auf der anderen aber auch entlastend. Auf eine gewisse Weise «normal». Für meinen Enneagrammtyp.
Das Verlangen, anders zu sein, ablegen können mithilfe des Enneagramms.
Verhaltensebene und Motivationsebene
Wenn wir nur auf das Verhalten eines Menschen schauen, reagieren gewisse Typen zum Verwechseln ähnlich. Doch es kommt nicht nur auf das äussere Verhalten an, viel wichtiger ist die Motivation, die dahinter steckt.
Ja, das Enneagramm ist komplex. Und genau deshalb erlebe ich es als tief und kraftvoll!
Das riecht irgendwie nach Arbeit, nach Selbstoptimierung, aber was uns oft nicht bewusst ist:
Jede/r von uns hat ganz ureigene Stärken, die wir als «gegeben» betrachten, weil sie uns eben auch gegeben sind – anderen aber nicht!
Diese Stärken können wir schätzen und nützen, weil sie von Natur aus da sind.
Wie hilft uns das Enneagramm im Alltag?
Das Enneagramm schenkt Selbstbewusstsein
Am meisten nützt uns das Enneagramm im Umgang mit uns selbst. Da stolpern wir doch immer wieder in gewisse Situationen hinein und wissen «es» eigentlich ganz genau, aber es «passiert» uns schon wieder. «So sind wir halt einfach», denken wir dann vielleicht. So sind wir geworden. Schon in der frühsten Kindheit haben wir alle unsere eigenen Strategien entwickelt, wie wir am besten durchs Leben kommen.
In unserer Lebensgeschichte haben wir unsere ureigenen Stärken aufgebaut und es entstanden gewisse Entwicklungsfelder, die wir möglichst meiden.
Erkennen. Einordnen. Leben gestalten.
Ja, so sind wir geworden. Was bisher vielleicht nur unbewusst geschah, können wir ab jetzt bewusst formen. Sobald wir es erkannt haben. So ein Veränderungsprozess geschieht nicht von heute auf morgen, aber Schritt um Schritt. In die richtige Richtung. Durch das Enneagramm erkennen auch wir unsere spezifischen Stärken, die kein anderer Typ auf diese Weise hat. Was uns wie selbstverständlich erscheint, lernen wir wertzuschätzen und bewusst zu leben. Nennt sich auch Selbstakzeptanz.
- Selbstakzeptanz ist entscheidend wichtig für einen guten Umgang mit uns selbst. Und ein guter Umgang mit uns selbst bewirkt automatisch einen guten Umgang mit unseren Mitmenschen.
- Kommen wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen (besser) klar, führt dies zu einem natürlichen Selbstbewusstsein.
Das Enneagramm schenkt Selbstbewusstsein.
Das Enneagramm hilft uns im Umgang mit anderen Menschen
Wenn wir unsere spezifischen Stärken haben, heisst das auch, dass andere andere Stärken und Entwicklungsfelder haben und nicht alles «doch klar!» ist. Aus der jeweiligen Sicht sehr wohl, aber halt nicht automatisch für alle.
- Die einen Menschen sehen sofort, was gerade zu machen ist und packen sofort an, während andere mehr Informationen oder einen Plan brauchen. Dafür handeln sie überlegter und arbeiten genauer.
- Beziehungsmenschen reden gerne und viel, was Kopf- und Bauchmenschen etwas überfordern kann.
Signale früher erkennen
Dass das zu Spannungen kommen kann, liegt auf der Hand. Wenn wir uns jedoch einmal vor Augen geführt haben, wie grundverschieden wir Menschen ticken, bekommen wir die Möglichkeit, heikle Situationen früher zu bemerken und mit der Zeit immer angemessener zu reagieren. Nennt sich auch Persönlichkeitsentwicklung.
Das Enneagramm hilft uns im Umgang mit anderen Menschen.
Das Enneagramm hilft bei der beruflichen Neuorientierung
Sich selbst und andere Menschen besser zu verstehen, ist die beste Voraussetzung für eine berufliche Neuorientierung. Wenn wir um unsere spezifischen Stärken und Entwicklungsfelder wissen, sind wir
- entscheidungsfähiger und somit
- handlungsfähiger.
Wenn wir um die Vielfalt an Erlebensweisen wissen, werden wir
- beziehungsfähiger,
- konfliktfähiger und
- können unsere Grenzen besser wahren und verteidigen.
Das hilft uns sowohl
- als Person als auch
- als Teammitglied,
- als Führungskraft als auch
- im Umgang mit Kund:innen, Klient:innen, Patient:innen, Chef:innen etc.
Sind Sie noch neugieriger geworden? Nachfolgend eine Mini-Führung durchs Enneagramm mit seinen drei Intelligenz-Zentren Herz, Kopf, Bauch und den jeweils drei Enneagramm-Typen (ennea = neun).
Das Enneagramm deckt auf: Kompetenzen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Sind Sie noch neugieriger geworden? Nachfolgend eine Mini-Führung durchs Enneagramm mit seinen drei Intelligenz-Zentren Herz, Kopf, Bauch und den jeweils drei Enneagramm-Typen (ennea = neun).
Typische Verhaltensweisen der einzelnen Enneagrammstile – Beispiele
Kopfmenschen – rationale Intelligenz
Kopfmenschen sind eher zurückhaltend, beobachtend. Beziehung und Image kommen erst später ins Spiel. Information schafft Motivation zur Handlung. Nehmen Gefühle oft verspätet wahr. Was gesagt wird, kommt aber sehr wohl an.
Wichtige Themen in Kopfzentrum: (Beziehungs-) Sicherheit, Vertrauen, Orientierung, Konzepte.
Enneagrammtyp 5
Umfassendes Wissen, «Wandelndes Lexikon» auf seinem/ihrem Gebiet. Sammler. Findet Beziehungen anstrengend, braucht Rückzugsmöglichkeit.
Enneagammtyp 6
Loyal, pflichtbewusst, fleissig. Hält den Laden am Laufen. Hinterfragen, zweifeln, bedenken. Klebstoff oder Sprengstoff in Teams.
Enneagrammtyp 7
Freiheitsdrang, grosser Ideenreichtum. Leichtigkeit des Seins. Zahllose Pläne, einer oder zwei davon funktionieren genial.
Herzmenschen (Beziehungsmenschen) – emotionale Intelligenz
Herzmenschen beschäftigen sich überproportional mit Image und Selbstwert. Sie mögen Menschen, gehen schnell in Beziehung, reden gern und viel, ausser über Beziehungsthemen.
Wichtige Themen im Herzzentrum: Image, persönlicher Wert in den Augen der anderen, rasche Anpassung an Menschen und Situationen.
Enneagrammtyp 2
Gesellig, freundlich bis überfreundlich, möchte von allen gemocht und gebraucht werden, unterstützt gerne, kennt dabei seine eigenen Bedürnisse schlechter als die (oft vermeintlichen) Bedürfnisse der anderen.
Enneagrammtyp 3
Sehr positiv ausgerichtet und voller Ziele. Passt sich an verschiedene Rollen perfekt an. Sieht schnell den effizientesten Weg zur Lösung. Fördert gerne andere Menschen.
Enneagrammtyp 4
Individualist:in. Grosses Gespür für Tiefe und Bedeutung. Klare Vorstellung, wie etwas sein müsste bei gleichzeitiger Ambivalenz. Fokus auf das, was fehlt.
Bauchmenschen – instinktive Intelligenz
Bauchmenschen haben ein feines Gespür für «Richtig» und «Falsch», wofür sie auch kräfig (aktiv oder passiv) einstehen. Sie sind Meister der Handlung, nicht unbedingt der Worte.
Wichtige Themen im Bauchzentrum: Handlung, Klarheit (Wer hat hier das Sagen?), Wille, Kraft, Grenzen, Zugehörigkeit, Harmonie, Humor.
Enneagrammtyp 8
«Harte Schale, weicher Kern». Macher, grosse Energie. Gefühle werden ganzkörperlich erlebt. Konflikt = Beziehungsangebot. Ja, Sie haben richtig gelesen.
Enneagrammtyp 9
Allparteilich, alles ist gleich wichtig, sanfte Energie bis massive Sturheit, Sprachstil oft bedächtig, stiftet Harmonie, rein durch seine Präsenz.
Enneagrammtyp 1
Oft aufrechte Körperhaltung und perfekte, etwas strenge Ausstrahlung. Proaktiv, optimierend. Kritik = ihre Form von Wertschätzung!! «Du bist mir etwas wert, also kritisiere ich dich.»
Fazit:
Das Enneagramm ist ein komplexes Persönlichkeitsmodell und
- bietet die Möglichkeit, sich und andere Menschen besser zu verstehen.
- Es ermöglicht tiefe Selbsterkenntnis und zeigt Möglichkeiten auf, sich selbst zu entfalten, und zwar mit den Stärken, die naturgemäss in uns angelegt sind.
- Je tiefer man dringt, desto mehr Zusammenhänge erschliessen sich.
- Aber auch bereits ein grober Überblick, wie verschieden Menschen «ticken», kann uns schon gehörig weiterbringen.
- Auch in gerade in beruflichen Kontexten.
Autorin
Tabea Räber, mehrjährige Enneagramm-Endeckerin und Teilnehmerin diverser Enneagram-Seminare – sowie (Enneagramm)Texterin bei diversen Plattformen von räber marketing & coaching, Leseratte, Pflege-Erfahrene, Senior:innenbegleiterin und ruhender Pol.
















